Bandscheibenvorfall an der Lendenwirbelsäule
In Deutschland haben statistisch gesehen ungefähr 27 – 40 % der Menschen Rückenschmerzen. Etwa 70 % haben die Schmerzen mindestens einmal im Jahr und etwa 80 % klagen mindestens einmal im Leben über Rückenschmerzen. Von den Abschnitten der Wirbelsäule ist die Lendenwirbelsäule (LWS) am häufigsten betroffen. Rückenschmerzen sind nach den Infektionen des Atemtrakts die zweithäufigste Ursache für Arztbesuche. Bei Männern sind Rückenschmerzen mit 14 % die häufigste, bei Frauen mit 11 % die zweithäufigste Ursache für Arbeitsausfälle. Am häufigsten sind Rückenschmerzen in der Altersgruppe der 50- bis 70-Jährigen.
Von Bedeutung im Zusammenhang mit Rückenschmerzen sind Bandscheibenvorfälle; andere Bezeichnungen lauten Bandscheibenprolaps, Diskushernie, Nucleus-pulposus-Prolaps. Die häufigsten Bandscheibenvorfälle treten an der Lendenwirbelsäule zwischen dem 4. und 5. Lendenwirbel und dem 5. Lendenwirbel und dem Kreuzbein (S1) auf, wo der Bandscheibeninnendruck am höchsten ist. Unter dieser kontinuierlichen Belastung wird der Fasering spröde (er trocknet aus und verliert an Elastizität)und es kommt zu kleinen Einrissen. Diese sind vorwiegend im hinteren Abschnitt des Faserrings lokalisiert, da dort kleine Narben von der ehemaligen Gefäßversorgung der Bandscheibe zurückgeblieben sind und den Fasering schwächen. Während in den meisten Fällen eine Selbstheilung eintritt, kommt es bei weiterem Fortschreiten derartiger Einrisse zum Hineindrücken von Nucleus-pulposus-Gewebe (das unter Druck steht) in diese Einrisse und dadurch zu einer Vorwölbung der Bandscheibe, was als Bandscheibenprotrusion bezeichnet wird. Das Hindurchtreten von Nucleus-pulposus-Gewebe (weicher Kern) durch den Faserring bzw. aus dem Faserring heraus ist dann der eigentliche Bandscheibenvorfall. Die funktionelle Bedeutung des Bandscheibenvorfalls besteht in einer Irritation bzw. Druckschädigung von Spinalnervenwurzeln (das so genannte Wurzelkompressions-Syndrom).
Führendes Symptom eines Bandscheibenvorfalls sind vom Rücken ausgehende und ins Bein bzw. den Fuß ausstrahlende Schmerzen. Typische Bezeichnungen dafür sind Hexenschuß oder Ischias. Es können jedoch auch Gefühlsstörungen und Lähmungserschienungen auftreten, wenn der Druck des Bandscheibenvorfalls auf die Nervenwurzel sehr stark ist. Für die einzelnen Nervenwurzeln gibt es charakteristische Muskeln, z.B. L5-Syndrom mit Fußheberschwäche bzw. S1-Syndrom mit Fußsenkerschwäche. Gefühlsstörungen beziehen sich auf die von dem Nerven versorgten Hautareale (Dermatome). Für die L5-Wurzel ist es das Schienbein und die große Zehe, für die S1-Wurzel der äußere Fuß und die Ferse.
Die Bahandlungsmaßnahmen sind in erster Linie von der Art der Schmerzen, den neurologischen Ausfällen und dem bildmorphologischen Befund abhängig wobei grundsätzlich zwischen
konservativer,
minimalinvasiver und operativer Therapie (
mikrochirurgische oder
endoskopische Operation) unterschieden wird. Die Therapie erfolgt entsprechend einem Stufenschema. Wenn eine Therapieform nicht den gewünschten Erfolg innerhalb eines Zeitfensters von 3-4 Wochen zeigt, dann muß die nächste Stufe "erklommen" werden. Zu langes Festhalten an Behandlungsmaßnahmen ohne Besserungstendenz führt zur Chronifizierung der Beschwerden mit der Entstehung des so genannten Schmerzgedächtnisses und zur Fixation von Fehlhaltungen, da Muskelansätze sich verkürzen, Gelenkapseln schrumpfen und Bandscheibenvorfälle verkalken. In späten Stadien können daraus verschiedene Formen der Wirbelsäuleninstabilität und Verformung resultieren. Deshalb gilt nicht immer die Devise, dass eine Operation möglichst weit hinausgeschoeben werden sollten, dann in einem sehr fortgestrittenem Stadium der Degeneration bzw. des Verschleißes bestimmte Therapien nicht mehr möglich sind (wie beispielsweise die
künstliche Bandscheibe), dann müssen aufwändigere
Rekonstruktions- und Stabilisierungsoperationen durchgeführt werden.






